Glückskiller Sitzenbleiben
Freitag, 28. Jul 2006 9:07 von Wolff Horbach
Gestern Abend bekam ich vor den Tagesthemen noch einen Beitrag im Politmagazin “Monitor” mit. Thema: Sitzenbleiber: Note 6 für die deutsche Bildungspolitik. Dort wurde berichtet, dass nach den Ferien ca. 250.000 Schüler in Deutschland die Klasse wiederholen müssen. Mit anderen Worten, sie haben einen Mindeststandard nicht erreicht und sind sitzengeblieben.
Klar ist: diese Schüler haben in mindestens zwei Fächern eine Schwäche. Das kann viele Ursachen haben: Schlechte Vermittlung durch den Lehrer, mangelndes Interesse, Schwierigkeiten im Elternhaus, Ablenkung durch die Pubertät usw. Aber anstatt den betroffenen Schülern zu helfen, werden sie bestraft. Und zwar sehr hart: Sie werden aus einem gewachsenen Klassenverband herausgerissen. Sie verlieren den Kontakt zu ihren Freunden und sind obendrein stimagtisiert. Dies alles reduziert das Glück des betroffenen Schülers ganz erheblich.
Wann lernen wir endlich von erfolgreichen Nationen, wie es auch besser geht? Die PISA-Gewinner Finnland und Kanada kennen das Konzept des Sitzenbleibens überhaupt nicht, sondern fördern stattdessen gezielt die Schüler in den Bereichen, in denen sie Schwächen und Lücken haben.
Wir leisten uns obendrein noch eine gigantische Geldverschwendung: 250.000 Schüler eine Ehrenrunde drehen zu lassen, bedeutet nach der Rechnung von Monitor bei 5.000€ je Schüler Kosten von ca. 1,25 Mrd €. Jährlich. Geld mit dem sich sicherlich eine Menge Sonderförderung finanzieren ließe.
Merke: Es sollte das Ziel unserer Gesellschaft (also auch des Schulsystems) sein, die Menschen glücklich zu machen und nicht sie zu bestrafen. Im besten Fall lernen die jungen Menschen, wie sie ihr eigenen Glück gestalten können. Mit Sitzenbleiben geht das sicher nicht. Wie wäre es mit einem Proteststurm bei den Kultusministerien? Wie hat Herbert Grönemeyer zur WM so schön gesungen: “Zeit, dass sich was dreht.”.
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