Bekloppte Tipps für Manager
Sonntag, 3. Sep 2006 15:57 von Wolff Horbach
Der Spiegel berichtet, dass laut einer Untersuchung der Freiburger Unternehmensberatung Saamann immer mehr Manager an einem Erschöpfungs-Syndrom, dem sogenannten Burnout-Syndrom leiden.
Als Ursache sieht der Leiter der Unternehmensberatung, Wolfgang Saamann, erhöhten Leistungsdruck an. Soweit gehe ich noch konform mit ihm.
Aber jetzt kommt der Knaller: Saamann rät den betroffenen Managern, sich Ventile zu schaffen: “Manchmal muss man auch mal toben oder eine Zeitung zerreißen, bevor man innerlich implodiert”. Mit diesem Super-Tipp lernt der Manager höchstens wie man richtig und schnell wütend wird. Er hat zwar Dampf abgelassen, aber die Probleme sind aber immer noch da.
Noch so ein Super-Tipp von Wolfgang Saamann: Die Manager sollen ihren beruflichen Stress nicht auf das Privatleben übertragen. Also drückt der total gestresste und fertige Manager nach 14 Stunden Arbeit auf der Heimfahrt auf einen Knopf und kommt zu Hause völlig ausgeruht an und ist für den Rest das Tages ein fürsorglicher Ehemann und ein hinreißender Vater. Vorausgesetzt, die Kinder sind noch wach. Da ja auch immer mehr Frauen ins Management drängen - wozu eigentlich? - gilt das natürlich auch für liebende Ehefrauen und treu sorgende Mütter.
Wie wäre es einmal mit echten Lösungen statt dieser Pseude-Tipps, die garantiert nicht helfen? Sind Menschen nur noch Heizmaterial für die Umsatzmaschine? Und wenn sie ausgebrannt sind, werden sie als Asche entsorgt. Um die kann sich ja dann die Allgemeinheit in Form von Ärzten, Psychiater oder Reha-Kliniken kümmern.
Höchste Zeit für den Glücksbeauftragten.
Hier schreibt 
Hallo,
ich habe einen kleinen Einwurf.
Aus deinen Ausführungen vermute ich, dass du annimmst das Ventil müsse ein Mitarbeiter sein.
Dies liegt nahe, das steht aber nicht im Artikel.
Vielleicht tut es auch ne schnelle Runde am Egoshooter?
Wie gesagt, ich teile natürlich die Ansicht, dass es Bullshit ist, die Dinge auf der Straße oder am Mitarbeiter auszulassen, aber das steht so auch nicht im Artikel.
Btw - ich forder auch den Gluecksbeauftragten:-)
Danke für den Hinweis zur Präzisierung. Nein ich meine nicht unbedingt, das der Mitarbeiter das Ventil sein müßte, sondern meine das allgemein.
Die Erkenntnis kommt aus der Glücks- und Lernforschung. Die Idee mit dem “Dampfablassen” entspringt noch einem mechanischten Weltbild: Der Mensch als Dampfkessel, in dem sich zu viel Druck aufgebaut hat, der nur abgelassen werden muss.
In Wirklichkeit ist es ganz anders: Wir empfangen einen Reiz oder mehrere, die uns wütend werden lassen. D.h. wir reagieren auf den Reiz. Wenn wir jetzt explodieren oder Dampf ablassen, lernen wir auf den Reiz zu reagieren. Wenn wir das eine Weile gemacht haben, haben wir es gelernt: Der Reiz kommt, wir lassen Dampf ab. Neuer Reiz, wieder Dampf ablassen usw. usf.
Viel sinnvoller ist: Ich registiere, das mich etwas wütend macht. Jetzt reagiere ich erst mal nicht, sondern nehme nur wahr: XYZ macht micht wütend. Hilfreich ist in diesen Situationen tief ein- und auszuatmen. Jetzt kann ich den Reiz näher untersuchen: Warum macht dies und das mich wütend? Wie kann ich in der Situation ruhig bleiben. Kann ich die Situation meiden? Was kann ich an der Situation ändern?
Wenn ich so mit einer unangenehmen oder wutauslösenden Situation umgehe, entwickle ich eine neue Verhaltensweise. Schon bald bin ich Herr der Situation und lasse mich nicht mehr von Reizen überwältigen.
Wut tut gut. Da ist meine Meinung. Was spricht dagegen, mal eine Zeitung zu zereißen? Finde ich allemal besser, als die Wut auf jemanden zu übertragen.
Wut ist ein Gefühl wie Freude, Neid oder Liebe. Warum soll ich dieses Gefühl komplett ausblenden und erst mal tief ein-und austatmen und darüber nachzudenken, warum ich nun wütend bin und worauf. Solange ich keinen mit meiner Wut schade, muss ich die nicht unterdrücken.
Wenn ich wütend bin, haue ich mit den Fäusten auf mein Bett. Das hilft ungemein, befreit, die Nackenmuskel sind danach entspannt, meine Stimme ist wieder kräftig und ich fühle so richtig lebendig. Diese Übung wird auch von dem Bioenergetiker Alexander Lowen empfohlen. (Das Buch heißt übrigens “Freude - Die Hingabe an den Körper und das Leben”).
Mir tut Wut nicht gut. Sie ist eine der negativen Gefühle, auf die ich gerne verzichte.
Es spricht nichts dagegen mal eine Zeitung zu zerreißen (Wie wäre es mit der BILD?). Auch der Abbau von Andrenalin durch gezielte Übungen ist sinnvoll.
Ich plädiere nur dafür, dass ich Herr meiner Gefühle bin und nicht von meinen Gefühlen beherrscht werde. Und dass ich die Ursachen erkenne und aus dem einfachen Reiz-Reaktions-Kreislauf aussteige.
Vor ein paar Jahren habe ich mich immer fürchterlich über Drängler auf der Autobahn aufgeregt und im Auto rumgeschrien. Nachdem ich erkannt habe, dass ich damit die Gefahr nur vergrößere, versuche ich diesen Idioten möglichst aus dem Weg zu gehen.
Übrigens: Die überwiegende Anzahl aller Morde wird im Affekt verübt. Da beherrscht die Wut einen Menschen so stark, dass er sämtliche Kontrolle verliert und einen anderen Menschen tötet. Oft in der eigenen Familie. Wut tut gut?