Trauerarbeit
Freitag, 10. Aug 2007 21:10 von Wolff Horbach
Ich habe heute Morgen in Ondenval, Belgien, Abschied von meinen Freund Uwe Pfister genommen.
Nie werde ich meine erste Begegnung mit Uwe vergessen: Als ich am 1. Dezember 1975 morgens kurz vor acht als frisch gebackener Ingenieur meinen ersten Job bei der Kernforschungsanlage Jülich (heute: Forschungszentrum Jülich FZJ) antrat, überlegte ich noch, wie ich in dem großen Verwaltungsgebäude meinen Arbeitsplatz finden werde. Da riss jemand von innen die Tür auf, streckte mir seine Hand entgegen und begrüßte mich äußerst freundlich: “Guten Morgen Herr Horbach. Ich bin Uwe Pfister. Herzlich Willkommen!”. Uwe war mein Kollege. Er war der erste Elektro-Ingenieur in einer sonst von Bauingenieuren und Physikern geprägten Abteilung. In den nächsten Tagen wurde ich von ihm überall mit den Worten vorgestellt: “Jetzt sind wir schon 100% E-Technik mehr”. Als wir dann vier Fachkollegen waren, wurden wir eine eigene Gruppe und Uwe mein Chef.
Ein paar Jahre später habe ich mich im Forschungszentrum anderen Aufgaben zugewendet. Aber der Kontakt zu Uwe blieb. Meine neue Aufgabe hatte jetzt sehr viel mit Informationstechnologie (IT) zu tun. Das brachte mich wieder enger mit Uwe zusammen. Er hatte sich privat eine Hausverwaltung (genehmigte Nebentätigkeit!) aufgebaut. Akribisch wie er war, wollte er eine perfekte Verwaltung. Eines Tages rief er mich an und berichtete, dass er mit der auf dem Markt befindlichen Software zur Hausverwaltung sehr unzufrieden sei. Wir setzten uns zusammen und ich entwickelte für ihn ein neues Programm. Dies führte zu einer tiefen Freundschaft. Unzählige Stunden haben wir getüftelt und das Programm immer weiter entwickelt. Anschließend hab es im Hause Pfister immer ein vorzügliches Mahl, zubereitet durch die Kochkünste von Vera.
So habe ich Veras und Uwes Gastfreundschaft viele Stunden genossen. Wir haben vorzüglich gespeist, viel gelacht und manches Glas Rotwein zusammen geleert.
Uwe war ein begnadeter Projektmanager. Er schaffte es, jedes Projekt zum Erfolg zu führen. Und dabei immer Termine und Budgets einzuhalten. Er wurde im Forschungszentrum später Hauptabteilungsleiter und stieg dann zum Betriebsdirektor mit der Verantwortung für die gesamte, hochkomplexe Infrastruktur und 800 Mitarbeiter auf.
Ich habe ihm unendlich viel zu verdanken. Ich habe viel von ihm gelernt. Und er hat mir in vielen Situationen Rat und Hilfe zukommen lassen. Er hat meinen beruflichen Weg immer begleitet. Auch als ich mich 1983 selbständig machte.
Uwe war ein sehr klarer und direkter Mensch. Immer optimistisch. Immer humorvoll. Durch seine Klarheit war er nicht immer bequem. Aber absolut gradlinig und äußerst zuverlässig .
Als er im Frühjahr dieses Jahres seine Krebs-Diagnose bekam, rief er mich kurze Zeit später an. So wie er seine Projekte konsequent anging, so nahm er auch den Kampf mit dieser heimtückischen Krankheit auf. Leider hatte er in diesem letzten, großen Projekt nicht mehr das Sagen. Vor seiner dritten Chemotherapie habe ich ihn noch in der Klinik besucht. Uwe strotzte vor Optimismus. Er war sich sehr klar über die Konsequenzen, falls die Therapie nicht greifen sollte.
Eine Woche später rief er mich an und teilte mir mit, dass sich seine Krebswerte dramatisch verschlechtert hätten. Aus, vorbei. Trotzdem hat Uwe keine Sekunde gejammert. Nein, er hat klaglos akzeptiert, dass er jetzt sterben wird. Viel zu früh. Konsequent und klar hat er sich auch auf diese letzte Phase vorbereitet.
Wir wollten uns noch einmal sehen. Aber die Krankheit schritt rapide fort. Mehrere vorgesehene Termin mussten entfallen, weil er sehr erschöpft war. Selbst in dieser Phase war er zu Scherzen aufgelegt: “Jung, wir müssen uns beeilen, sonst sehen wir uns erst zur Beerdigung wieder”. So ist es leider gekommen. Das Tröstliche daran: Er musste nicht lange leiden und ich kann ihn so in Erinnerung behalten, wie ich ihn in all den Jahren und bei unserer letzten Begegnung erlebt habe: sehr klar, optimistisch und voller Humor.
Auf der Heimfahrt von der Trauerfeier sah ich plötzlich am Wegesrand das wunderschöne Blumenband in gelb und rot (siehe Bild). Das hätte Uwe gefallen.
Hier schreibt 
[...] habe kürzlich miterleben müssen, wie ein Freund von mir innerhalb von wenigen Monaten an Krebs starb. Was mich besonders beeindruckt hat: Er hat kein einziges Mal geklagt oder gejammert. Er ist so [...]
Vielen Dank für den netten Beitrag über Ihren Freund Uwe. Es hat mich sehr gerührt, wie liebevoll sie über ihn schrieben. Leider leider ist der Tod immer da, durch Krankheit, altersbedingt, durch Unfall oder Suizid. Tod ist schrecklich, aber unvermeidbar, für uns alle - irgendwann. Ich lese gern solche Beiträge wie den Ihren, sie machen mich nachdenklich, was wohl meine Freunde/Freundinnen zu meinem Tod sagen würden.